Das Leben aus drei Blickwinkeln: neues Leben, alte Liebe und Frischer Wind
Obwohl bei British Airways ihr Koffer verloren ging, lässt sich Amy Macdonald ihre gute Laune nicht verderben. Baschi hat Grund zu feiern: Er ist nicht nur Vater geworden, sein zehntes Album ist am Auftrittstag erschienen. KAMRAD hat sowieso viel zu lachen: Er springt scheinbar federleicht von einem Radiohit zum nächsten und hat ein Rezept für sorglose Momente gefunden.
KAMRAD: Urlaub für den Kopf, aber nicht für die Beine
Das Hoch KAMRAD zieht gegen 18:30 Uhr über den Herrenacker. Es kann zu spontanen Euphorieausbrüchen kommen und alle Sorgen fliegen davon, egal wie fest sie verankert sind. Der Wuppertaler hat mit seiner Musik den Snooze-Button für alles Schlechte gefunden. Er nennt es Urlaub für den Kopf. Doch während der Kopf im Urlaub ist, müssen die Beine und Hände ran. Jemand muss schliesslich dafür sorgen, dass fleissig gesprungen und geklatscht wird.
You got me so high, got me so high
Would you be mine when the sun don't shine?
(Would you be mine when the sun don't shine?)
(Would you be mine?)Be Mine, KAMRAD
Zum Ende springt der ganze Platz mit KAMRAD um die Wette. Spätestens dieses Jahr zeigt sich langsam ein Muster. Nur weil man den Opener-Slot spielt, heisst das nicht, dass man keine Publikumsbeteiligung bekommt. Schliesslich steht man nicht ohne Grund auf der Hauptbühne und braucht sich nicht verstecken. Mit dem Song Be Mine hat KAMRAD alleine auf Spotify bereits über 48 Millionen Streams gesammelt. Live zeigt sich, weshalb die Komposition so erfolgreich ist. Die ansteckende Melodie lässt auch die Amy-Macdonald-Fans tanzen.
Baschi: Wenn das Festival zur spontanen Plattentaufe wird
Es ist unglaublich, dass Baschi tatsächlich erst an der Jubiläumsausgabe von Stars in Town sein Festivaldebüt feiert. Doch dafür hat es sich gelohnt zu warten. Der frisch gebackene Vater hat am Auftrittstag sein zehntes Studioalbum Bürgin veröffentlicht. Das neue Familienglück spiegelt sich in den ruhigeren Momenten wider. Familie ist ein zentrales Thema. Der laute Baschi nimmt sich zurück, um dem bürgerlichen Sebastian Bürgin Platz zu machen. Bei Wenns Läbe dr zwüsche chund kommt auch Baschis Jacke dazwischen. Er kämpft damit, sie loszuwerden. Schliesslich muss ihn ein Crew-Mitglied davon befreien. Der Basler Musiker ist auf die erfrischendste Art und Weise unprätentiös. Er sagt, was ihm durch den Kopf schiesst. So merkt er an, dass er ziemlich müde sei und es auch schön finden würde, mit einem Bier vor der Bühne zu stehen und nach oben zu schauen. Selbstverständlich ist er dort aber viel besser aufgehoben. Sonst kämen die Fans nicht in den Genuss seiner Songs.
I bi nur en Bürgin
Und hebe d Fahne in Wind
All die Generationä hend us mir gmacht was i bin
I bin nur en Bürgin
Nit viel meh als dasBürgin, Baschi
Zur Feier der Veröffentlichung hat Baschi aber auch Überraschungsgäste mitgebracht. Mit Dabu Fantastic performt er das 2023 veröffentlichte So Liecht und mit Valentino Vivace das jüngst erschienene Vino Rosso. Meistens halten sich Special Guests vor ihrem Auftritt versteckt, um das grösstmögliche Überraschungsmoment auf ihrer Seite zu haben. Doch der gross gewachsene Dabu schaut den Anfang des Konzerts mitten im Publikum. Umso witziger ist es, dass Baschi bei der Ansage des gemeinsamen Liedes Grüsse nach Bümpliz schickt, weil Dabu angeblich leider nicht da sein könne. Man nimmt sich selbst einfach nicht so ernst, um ein grosses Geheimins daraus zu machen, dass das geflunkert ist. Gemeinsam mit den Musikerfreunden tauft er sein neues Album auf der Bühne und sucht mitten im Publikum. Baschi ist einer von uns.
Amy Macdonald: Das ist, worauf wir gewartet haben
Der Titel des aktuellen Albums von Amy Macdonald stellt die Frage: Is This What You’ve Been Waiting For? Wir haben seit 2019 auf die Rückkehr der Schottin gewartet. Nächstes Jahr feiert ihr Debütalbum This Is the Life bereits den 20. Geburtstag. Auch heute ist es die mit den meisten Songs im Set vertretene Veröffentlichung. Die Geschichten, die Amy Macdonald in Songs wie Poison Prince, Mr Rock & Roll oder Barrowland Ballroom erzählt, sind zeitlos. Zwar merkt sie an, dass sie ihr Alter spüre und das Singen dieser Stücke von ihr deutlich mehr abverlange als damals. Davon spürt man aber überhaupt nichts. Sie singt noch mit derselben Frische in ihr mit der Schottland-Flagge verziertes Glitzermikrofon, als wäre es 2007.
A poetic genius genius,
Its something I don't see,
Why would a genius be trippin on me?
Poison Prince, Amy Macdonald
Beim Singen ist er fast nicht hörbar, aber in den Ansagen ist der schottische Akzent so unverkennbar wie eh und je. Es ist eine wahre Freude, Amy Macdonald sprechen zu hören. So erzählt sie unter anderem, wie gut sie alle im Publikum sehen könne. Jedes Winken und jede Bewegung. Entsprechend sei ihr aufgefallen, wie viele die Fähigkeit besässen, mit geschlossenem Mund zu singen, meint sie schmunzelnd. Wenn die Lichter der Handy-Taschenlampen den Platz erhellen, tun sie das im immer selben Muster. Erst wird schön hin und her geschwenkt, bevor der Arm ganz langsam wieder nach unten sinkt. Sie gibt fehlendem Armtraining die Schuld. Ein lobendes Beispiel hat sie aber auch gesehen. Jemand steht auf einer Dachterrasse ganz hinten am Platz. Die Person hält das Licht nicht nur während des ganzen Songs Run nach oben, sondern auch noch während der Ansprache. Es gibt doch noch Menschen, die ihr Armtraining ernst nehmen.
Give me a festival and I'll be your Glastonbury star
The lights are shining everyone knows who you are
Singing songs about dreams about hopes about schemes
Ooooh, they just came trueLet's Start A Band, Amy Macdonald
Zwar ist der Titeltrack des Debütalbums This Is the Life das wohl bekannteste Stück der Schottin und alle können es mitsingen, doch ihr Konzert beendet sie traditionsgemäss mit Let’s Start a Band. Durch diese Platzierung wirkt die Aufforderung am Ende des Konzertes wie ein Versprechen, dass man sich wiedersieht. Wer eine Band gründet, der muss sich ja schliesslich auch regelmässig zum Proben treffen. Ein schönes Gefühl, das den Abschied immer etwas weniger schmerzlich macht. Wir werden uns alle wiedersehen und gemeinsam die Musik zelebrieren.
Fotos: Julius Hatt, Laura Rubli, Jasmin Müller
Video: absolutturnus.ch
Text: Christian Meier