Facettenreicher Rap-Hattrick und ein Aufsteiger in die Rekordliga
Die Gitarren und der Rock haben die ersten vier Abende dominiert, jetzt wird es Zeit für Rap. Letztes Jahr brachte Ray Dalton Can’t Hold Us auf die Mainstage, dieses Jahr folgt sein Counterpart Macklemore. Lo & Leduc ziehen mit ihrem vierten Besuch mit Pegasus, Bastian Baker, Patent Ochsner und Hecht gleich. Gemeinsam stehen sie auf dem Treppchen mit den meisten Auftritten am Stars in Town ganz oben. Gigi Malua demonstriert, wie man ohne riesiges Produktionsbudget eine vielseitige Performance hinlegt.
Gigi Malua: MundartRap mit internationalem Flair
Vorstellungskraft und eine gute Umsetzung machen eine Bühnenshow spannend. Wie kaum ein Opener schafft es Gigi Malua, mit den ihr zur Verfügung stehenden Mitteln für ein beeindruckend abwechslungsreiches Set zu sorgen. Sie läuft nicht auf die Bühne, sie erscheint durch einen weissen Vorhang in der Mitte. Ein Einstieg wie ein kleiner Zaubertrick. Von zwei Tänzerinnen wird sie mit passenden Choreos zu den einzelnen Songs in Szene gesetzt und rappt selbstbewusst der Sonne entgegen.
oh ich lieb wie du mansplainsch
seisch ich bin schöner wenn ich lach lalalalalala
für din job bin ich zu schwach
lalalalalala
bruch en grosse ma mit kraftSchön, Cachita & Gigi Malua
Männer mit veralteten Rollenbildern müssen sich warm anziehen. Der Text zu Schön trieft zwar vor Ironie, aber ist trotzdem schonungslos direkt. Genauso die passende Performance. Ein Tanz in rosa Kochschürzen, geschmückt mit artigem Lächeln, untermalt die Songzeilen und hält der Absurdität solcher Vorstellungen den Spiegel vor. Gigi Malua rappt mit einer erfrischenden Direktheit, beherrscht aber auch triefenden Sarkasmus. Die Musik von Gigi Malua lässt sich nicht bloss als Mundartrap einstufen. Nicht nur optisch sind Parallelen zu generationsprägenden Künstlerinnen wie Nina Chuba oder Billie Eilish spürbar. Verletzlichkeit und Selbstbewusstsein müssen keine Gegensätze sein.
Lo & Leduc: Ein Platz in der Hall of Fame gesichert
Mit ihrem vierten Besuch ziehen Lo & Leduc mit einer Reihe anderer Schweizer Acts gleich und kennen die Bühne auf dem Herrenacker damit so gut wie nur eine Handvoll anderer Acts. Sie erhalten den warmen Empfang, wie man ihn unter guten Freunden kennt. Mit einem strahlenden Lächeln auf den Lippen begrüssen die Rapper ihre Fans und legen nach einem Instrumentalintro ihrer Band mit Jung Verdammt nach. Der Track war ihr grösster Hit, als die Berner 2015 zum ersten Mal am Stars in Town auftraten.
U i ha gmeint,
dr Tüüfu chäm im Füür und nid im rote Chleid,
im rote Chleid
Lueg i ha gmeint,
dr Tüüfu chäm im Füür und nid im rote Chleid,
im rote ChleidJung Verdammt, Lo & Leduc
Seit ihren Anfängen haben Lo & Leduc wieder und wieder aufs Neue bewiesen, welche Wortakrobaten sie sind. Ihre Texte jonglieren so clever mit der Schweizer Sprache, dass man sie problemlos auch in Gedichtform als Poesie abdrucken könnte. Auf der Bühne haben die beiden Rapper eine symbiotische Beziehung. Beide spüren mit messerscharfer Präzision, wann der andere eine Pause macht, und steigen mit der genau richtigen Taktung ein. Für Freestyle-Lo sammeln sie die Begriffe ein, die Lorenz Lo Häberli spontan in witzige Geschichten verpackt. Dieses Mal werden unter anderem die Worte Munot, Chrüsimüsi und Laatere in den Raptopf geworfen. Kantonsbedingte Sprachbarrieren sorgen zwar dafür, dass die beiden meinen, nur das Wort Leiter falsch verstanden zu haben. Aber es sei ihnen verziehen, dass sie das Schlaatemer E Zaane voll Saapfe d Laatere durab schlaapfe nicht kennen. Lo baut aus diesen Zutaten einen Song, der in dieser Form einmalig bleibt. Ein immer wieder beeindruckendes Talent. 2018 standen Lo & Leduc mit 079 für 21 Wochen an der Spitze der Schweizer Charts. Um ihren grössten Hit lebendig zu halten, ergänzen sie ihn um einen Rave.
Macklemore: Dirigent, Dompteur und Animateur in einem
Mit dem Track Chant als Opener macht Macklemore in Sachen Rap-Tempo sogar Eminem Konkurrenz. Der Amerikaner scheint als Entertainer geboren worden zu sein, der früher oder später einfach auf einer Bühne stehen musste. Er weiss haargenau, wie man sein Publikum zum Teil der Show macht. Macklemore erklärt, dass man im Moment leben solle. Kurz ein Foto, auf Social Media hochladen und den Freunden zeigen, dass es einem im Leben noch ein bisschen besser geht als ihnen. Dann soll das Handy lieber in der Tasche verschwinden, damit man die gemeinsamen Augenblicke richtig geniessen kann. Es entbehrt nicht einer gewissen Ironie, dass er diese Ansprache direkt an seine Fans richtet, bevor er mit Thrift Shop den ersten Klassiker auspackt. Der Song ist dermassen catchy, die Finger drücken fast automatisch den Rec-Button, um zumindest einen Teil davon für die Ewigkeit festzuhalten.
I'm gonna pop some tags
Only got 20 dollars in my pocket
I'm, I'm, I'm hunting, looking for a come up
This is fucking awesomeThrift Shop, Macklemore & Ryan Lewis
Als geübter Zeremonienmeister weiss der US-Rapper, dass Allüren nicht das Rezept für die beste Show sind. Stattdessen ist Macklemore so nahbar, wie man es in seiner Position nur sein kann. Immer wieder bezieht er das Publikum mit ein. So beschert er einem Fan aus den ersten Reihen einen Moment fürs Leben. Beim Song Downtown darf sie den Part von Eric Nally mimen. Ohne falsche Scheu nutzt sie den Moment und performt mit Macklemore und seiner Band um die Wette. Auch ein Dancebattle baut er in sein Set ein. Der Zirkus ist in der Stadt und alle sind eingeladen mitzumachen. Dieses Miteinander sorgt für eine beeindruckende Publikumsbeteiligung.
You know I'm back like I never left
Another sprint, another step
Another day, another breath
Been chasing dreams, but I never sleptGlorious, Macklemore
Melodiöse Hooks geben dem Sprechgesang von Macklemore den perfekten Pop-Überbau, um wie ein Power-Adapter zu funktionieren. In nur 15 Minuten ist man auf 100% geladen und fühlt sich lebendig und frei. Der Rapper bringt es auch auf den Punkt. Es gibt keinen Algorithmus, der ein Live-Konzerts imitieren kann. Das Gefühl, wenn man die Musik gemeinsam mit anderen Menschen hört und fühlt. Letztes Jahr eröffnete Ray Dalton einen Festivalabend mit dem Track Can’t Hold Us, jetzt beendet sein Counterpart Macklemore als letzte Zugabe sein Set damit. In einem Schweizer Fussballtrikot sucht er seinen Weg an die Barriers zur ersten Reihe und treibt unter Konfettiregen die Stimmung noch einmal zu einem letzten Höhepunkt. Er besitzt das grosse Talent, einen Platz mitzureissen und mit jedem Wort und jeder Bewegung zu begeistern. Eine Show der Extraklasse, die von der Energie des Künstlers und nicht von Spezialeffekten lebt.
Fotos: Julius Hatt, Roberta Fele, Laura Rubli, Jasmin Müller, Patrick Baconnier
Video: absolutturnus.ch
Text: Christian Meier